Meditation und Aktivismus

Meditation und Aktivismus

Eine große Gefahr beim ehrenamtlichen Aktivisismus besteht in einer Überfoderung, die schlimmstenfalls in einen Burnout münden kann. Es gibt einfach so viel zu tun und die schlechten Prognosen und das vermehrte Leid in der Welt, können uns ganz hoffnungslos werden lassen. Nach meiner Erfahrung, kann gerade auch die buddhistische Meditation und Lehre, hier hilfreich entgegen wirken.

Vorab möchte ich aber anmerken, dass dieser Artikel keine Werbung für den Buddhismus (oder besser die Buddhismen) als Religion sein soll. Ich verstehe hier die buddhistische Meditation vielmehr als hilfreiche Geistesschulung.

 
Die Buddhistische Geistesschulung

Im Mittelpunkt steht hiebei, durch meditative Praxis, die existenzielle Verbundenheit des Menschen mit seiner Mitwelt zu erfahren. Denn im tieferen Sinne, gibt es kein unabhängiges Sein. Wir stehen im dauernden Austausch durch unsere Atmung, Nahrung, Worte, Handlungen, oder auch durch unsere soziale und kulturelle Einbettung. Genauso wie wir wiederum ein Ökosystem für unzählige Mikroorganismen bilden. Das meint der, im Buddhismus häufig verwendete Begriff, der Leere. Leer von einem unabhängigen Selbst, leer von erdachten Konzepten, aber voller Möglichkeiten.

Wenn wir lernen, dieses Verbunden-Sein mehr und mehr zu erfahren und es nicht nur intellektuell zu verstehen, erwächst auf natürliche Weise Mitgefühl (auch mit uns selbst), Freude und ein tiefes Bedürfnis positiv zu wirken.

Auch brauchen wir nicht mehr zu glauben, allein für die Rettung der Welt verantwortlich zu sein, denn wir sind nicht allein 🙂

 

Gesellschaftliches Engagement und auf dem Kissen sitzen: ein Widerspruch?

Ich meine nein, denn viele Probleme unserer heutigen Zeit sind vor allem psychischer Natur. Gier vergrößert die Ungleichheit und Abhängigkeit von unserem ungesunden Wirtschaftssystem. Das Empfinden unserer inneren Leere, lässt uns unnötig konsumieren. Fühlen wir uns unverbunden, werden andere Lebewesen nicht als Partner*innen, sondern als Konkurrenten oder als zu manipulierende Objekte wahrgenommen. Unverbundenheit, und damit Verdinglichung der Mitwelt, fördert Ängste und Misstrauen. Darüber hinaus ist Unverbundenheit eine wichtige Voraussetzung für die Idee von Eigentum, das Andere besitzen zu können. Unverbundenheit ist demnach eine Voraussetzung für Ausbeutung. Die jetzige Beschaffenheit unserer Welt, des Anthropozäns, spiegelt so unseren inneren Zustand wider.

Für eine umfassende Transformation, bedarf es also auch eines inneren Wandels.
Lasst uns zu den Menschen werden, die wir für eine gelingende Zukunft brauchen.

 

Schattenseiten

Aber auch mögliche negative Aspekte, die im Zusammenhang mit Achtsamkeit und Meditation stehen, möchte ich hier nicht unerwähnt lassen. Beispielsweise ist ‚Selfcare‘ längst zu einem lukrativen Markt geworden. Sein Ego zu dekonstruieren ist zunächst einmal auch ein egozentrisches Projekt. Und was sicher schwerer wiegt: Gleichmut zu praktizieren beinhaltet das Potenzial, sich leichter ausbeuten zu lassen und sich mit unguten Strukturen besser zu arrangieren. Deshalb ist es meines Erachtens wichtig, dass ethische Prinzipien, Liebe und Mitgefühl integraler Bestandteil des Weges sind.

Darüber hinaus ist die buddhistische Szene keineswegs frei von hierarchischen Strukturen und damit einhergehendem Machtmissbrauch. Wenn sich also in Gruppen oder mit Lerhrer*innen etwas nicht stimmig anfühlt, schieb das nicht einfach beiseite, sondern höre auf dein Gefühl. Auch wenn die anderen Teilnehmer*innen damit scheinbar gar kein Problem haben. Übrigens, regt die buddh. Lehre auch explizit die kritische Auseinandersetzung mit derselben an. “Glaubt nur das, was ihr auch selbst, sorgfältig geprüft habt.”

 
Ein wenig Praxis – wenn Du Lust hast

Versuche während des Lesens auch deine Atmung wahrzunehmen:

  • Nimm zunächst die Schwere und den Kontakt Deines Körpers mit dem Sitz wahr
  • Dann spüre deine Atmung, wie sie kommt und geht und deinen Körper leicht bewegt (drei Atemzüge lang)
  • Erweitere nun deinen Fokus und versuche, den nächsten Absatz zu lesen und gleichzeitig Deine Atmung wahrzunehmen. Das scheinbare Außen mit dem Innen zu verbinden…
 
Achtsam die Welt verändern

Das vielleicht bekannteste Beispiel für die Verbindung von Achtsamkeit und gesellschaftlichem Engagement, ist der kürzlich verstorbene, vietnamesische Zenmönch Thich Nhat Hanh. Er war sein Leben lang für Frieden und Menschenrechte aktiv, half Soldaten und Zivilist*innen auf den Schlachtfeldern des Vietnamkrieges und brachte palästinensische und israelische Menschen an einen Tisch. Zudem hat er viele wundervolle Bücher geschrieben, die sich sehr eignen, um in den Bereich Meditation und inneren Wandel einzusteigen.
„Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere Zivilisation zerstört werden. Wir müssen den von uns eingeschlagenen Kurs, unser Verhalten ändern. Eine tiefe innere Verpflichtung ist nötig, um unsere Erde zu retten.“ Thich Nhat Hanh, Hanoi 2007

 

Hilfreiche Literatur
  • “Zen und die Kunst, die Welt zu retten” Thich Nhat Hanh, 2021
  • “Achtsam die Welt verändern” Sharon Salzberg, 2021

…Und wie hat es mit der Übung geklappt? Hat sich etwas verändert, bist Du vielleicht langsamer geworden? Wie lang konntest Du die Übung aufrecht erhalten oder hast Du sie direkt wieder vergessen?

Im Alltag sind wir selten mit dem eigentlichen, jetzigen Leben verbunden. Stattdessen erdenken wir uns unsere Welt, hängen an Vergangenem oder planen Zukünftiges.

Tauche ein ins wirkliche Leben. Jetzt?!

Zu sehen ist ein rotes Meditationskissen vor einem kleinem Schränkchen, mit Blumen und einem Teelicht, in einer goldenen Kokusnuss-Schale.
Quelle: Bernhard Förster