Transformation Haus & Feld

Transformation Haus & Feld

Transformation Haus & Feld ist eine Initiative, die sich für den Aufbau eines Zentrums für sozial-ökologische Transformation am Flughafen Tempelhof (Tempelhofer Feld) in Berlin einsetzt. Dieser Ort soll ein Gemeingut sein, welches allen Berliner*innen gehört und einen Lern- und Experimentierraum für all das Wissen und die Kompetenzen bieten, die es für die sozial-ökologische Transformation braucht. Geplant sind neue Berufsausbildungsmodule, eine Permakulturschule, die Bauwende zu fördern, an die Geschichte des Tempelhofer Feldes zu erinnern, Energie selbst zu gewinnen, Kunst und Kultur Raum zu geben und vieles mehr.

Wie das in der Praxis aussieht, was das mit alternativen Wirtschaftsformen zu tun hat und wie Ihr selbst ein Transformationszentrum aufbauen könnt, erfahrt Ihr im Interview mit
Cléo und Judith vom Herbst 2021.

Wie würdet ihr die Vision von Transformation Haus & Feld beschreiben?

Cléo: Die Vision von Transformation Haus & Feld ist es, hier in der Region Transformation hoch skaliert möglich zu machen.  Wir sind davon überzeugt, dass es das Wissen für die verschiedenen Wenden – wie die Agrarwende, Energiewende, Mobilitätswende etc.– schon gibt. Es aber häufig „nur“ in Nischen umgesetzt wird. Mit einem großen Ort, wie dem Tempelhofer Feld, kann gezeigt werden, dass die Lösungen schon da sind. Hier kann das Wissen vermittelt werden und viele Impulse anwendungsorientiert in die Region gesendet werden.

Unser kurzfristiges Ziel ist die Eröffnung des Zentrums. Langfristig soll die Arbeitswelt hier in der Region umkrempelt und die Gründung von anderen Transformationszentren bewirkt werden. Beispielsweise wollen wir Berufsausbildungsmodule entwickeln, die den Kapitalismus obsolet machen und unser Konzept von Wirtschaft angehen. Bisher sind wir meist in abhängigen Ausbeutungsjobs gefangen. Ein Weg daraus wäre uns selbst Berufe und Berufsausbildungen zu schaffen, die ohne Ausbeutung, Klima- und Umweltzerstörung funktionieren.

Wir möchten, dass sich Erzählungen ausbreiten, wie: „Es gibt keinen billigeren und sichereren Strom als den, den ich mit meinen Nachbarn zusammen produziere.“ Oder: „Es gibt kein besseres und günstigeres Essen als jenes, welches ich zusammen mit meinen Nachbarn in Brandenburg solidarisch erzeuge.“ Eine populäre Ökologie quasi.

Die Kiezgemeinschaften in Berlin sollen empowered werden, mehr Verantwortung für ihre Lebenswelt zu übernehmen. Viele Bedürfnisse des Alltags, können im Kiez über Netzwerke gedeckt werden. Der eine Nachbar weiß, wie man etwas repariert und eine andere Person weiß, wie man Gruppen motiviert oder Konflikte löst. So leben wir nicht in der Vereinzelung weiter und irgendein Markt oder Staat übernimmt für uns alles. Damit sind wir auch unabhängiger von globaler Ausbeutung und Produktionsketten. Das Transformationszentrum soll ein Ort sein, wo dieses Wissen den Kiezen und Menschen zur Verfügung gestellt wird.

Wir arbeiten auch viel mit dem Begriff der Regeneration. Regenerativ bedeutet eine Art von Wirtschaft und Zusammenleben, welches seine eigenen Bedingungen wiederherstellen kann. Unser Zusammenleben orientiert sich dann eher an der Verbindung und dem Zusammenspiel, als an dem Gegeneinander und der Konkurrenz. Transformation ist dann der Weg dorthin.

Wie können interessierte Menschen bei Euch mitmachen?

Judith: Wir haben zwei Mal im Monat Mittwoch abends ein Onboarding für interessierte Leute. Da gibt es alle Infos zum Projekt, wie wir uns organisieren und was gerade konkret an Arbeit ansteht. Das ist der ideale Weg, um in die richtige Arbeitsgruppe oder den richtigen Arbeitskontext zu gelangen.

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Quelle: Transformation Haus und Feld

Was hat Euch dazu bewegt das Projekt anzustoßen?

Cléo: Natürlich hat Corona eine große Rolle gespielt, da klassischer Aktivismus oder ziviler Ungehorsam in dieser Zeit nicht möglich waren. Damit wurden Denkräume eröffnet.

Außerdem suche ich schon lang nach Antworten auf die Frage: Wie kann Aktivismus nachhaltig wirken, also bleiben? Wenn du beispielsweise etwas blockierst und da dann ein Hochbeet hinstellst, bleibt es mindestens zwei Wochen stehen. Damit ist die Aktion dann auch langfristiger wirksam.

Was mich auch stark angetrieben hat, ist das Verbinden von aktivistischer Kraft mit einem eher unpolitischem Milieu. Dieses Aufbegehren und das Aufzeigen von „So geht es nicht weiter“, zu denen zu bringen, die wenig politisiert sind. Diese beiden Energien zusammenzubringen, das sehe ich in diesem Haus als Möglichkeit.

Judith: Cléo kam auf mich zu mit der Idee: Wieso lassen wir nicht eine riesige, öffentlich finanzierte, Permakulturschule auf dem Tempelhofer Feld entstehen? Das war schon sehr bildhaft, als Cléo mir davon erzählte.

Für mich war die Motivation eine sehr persönliche. In der Zeit war ich auf Jobsuche und bin verzweifelt an den Perspektiven, die junge Leute heutzutage haben. Die Klimakrise, die ich als Aktivistin in den Wochen und Monaten davor erlebt habe (seit 2019 mache ich eigentlich nichts anderes), ist nie wirklich auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt angekommen. Es gibt irgendwelche Nischenberufe, die man machen kann. Das ist toll, aber gleichzeitig kann es nicht wahr sein, dass wir uns entscheiden müssen, zwischen Ausbeutung und finanzieller Sicherheit. Oder wir müssen so einen Kompromiss eingehen: Wir partizipieren tagsüber an der Ausbeutung und versuchen Abends das dann mit Aktivismus wieder gut zu machen.

Da habe ich dann gesagt: Nee, diesen Widerspruch will ich nicht leben. Der Aktivismus hat mir bei der Entscheidung geholfen. Ich glaube für Leute, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, wäre das schwieriger.

Was hat sich durch eure Initiative für Euch persönlich und für die Berliner Stadtgesellschaft verändert?

Cléo: Ich denke, was viele an unserer Initiative anspricht ist, dass sie wirklich überzeugend wirkt. Durch die Klimakrise oder durch Ungerechtigkeiten deprimierte Menschen, kann das motivieren. So dass sie sagen: „Okay, dafür setze ich mich jetzt ein!“. Es wird das Offensichtliche benannt, die Frage: „Warum machen wir es eigentlich nicht?“. Es kann sehr ermutigen, Ideen zu realisieren, sie in 3 D umzusetzen. Beispielsweise kann ich mit einer Gruppe von Nachbarn losgehen und anfangen, fünf Parkplätze zu entsiegeln. Einfach weil ich es kann und mich das traue. Ich gehe jetzt, weil wir genug Nachbar*innen sein werden, die sagen: „Nee, das bleibt und das wird jetzt unser gemeinschaftlicher Garten“. Öffentliche Räume so zu beschreiben und zu bespielen, fordern wir seit Langem.

Judith: Für mich ist interessant zu sehen: Wie ist es, wenn man so konkret an etwas in dieser Größenordnung arbeitet. Wir wissen ja, wie die kleinen Brötchen gebacken werden, insofern bringen wir nichts Neues auf den Tisch. Da muss auch eine gewisse Bescheidenheit rein kommen, im Sinne von: Wir meinen nicht, dass wir jetzt die Lösungen haben, die davor noch nie jemand hatte. Bei Extinction Rebellion haben wir z.B. holokratische Selbstorganisation gelernt, wie sich Menschen bottom-up organisieren können. Den Anspruch auf Raum kennen wir in Berlin auch aus der Recht-auf-Stadt-Bewegung oder aus der Hausbesetzer:innen-Szene, das ist also auch nichts Neues. Aber so einen Raum wirklich dauerhaft zu beanspruchen und mit Leben zu füllen, dafür müssen die Methoden im viel größeren Rahmen umgesetzt werden.

Aber wir schrecken auch nicht davor zurück unbequem zu sein, im Sinne einer politischen Notwendigkeit, in der heutigen Zeit. Das wir wirklich fordern und nicht sagen: „Hey, das wäre total schön. Mal schauen.“ Wir verstehen eben auch die Beharrungskräfte, mit denen wir aktiv umgehen müssen.

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Quelle: Transformation Haus und Feld

Welche Aspekte und Strategien sind für eine sozial-ökologische Transformation eurer Meinung nach besonders wichtig?

Judith: Ein Verständnis von Diskriminierung und intersektionalen Machtverhältnissen, halten wir bei uns für sehr wichtig. Wer hat denn z.B. das verbriefte Recht Stadtplanung zu betreiben oder sich zu Stadtentwicklung zu äußern? Das sind alles weiße Leute und wenn man sich Berlin anschaut, entspricht das ja überhaupt nicht der Realität.

Ich denke, in der antirassistischen und feministischen Emanzipation, die ja gerade stattfindet, steckt auch eine ökologische Emanzipation. Das sollte von Grund auf zusammen gedacht und damit in einen Lernprozess gegangen werden. Und nicht erst, wenn ein Fall von Diskriminierung passiert, um ganz aktiv eine andere Repräsentation zu schaffen.

Cléo: Es gibt einen Koffer an Tools, den sich die Menschheit tatsächlich in den letzten 50 Jahren nochmal neu erarbeitet hat, wie die Soziokratie, gewaltfreie Kommunikation oder auch die Bürger*innen-Räte. Wenn wir diese Tools in die Fläche bringen, können wir tatsächlich kulturellen Wandel schaffen. Außerdem macht das sehr viel Spaß, weil die Menschen dabei oft sehr glücklich sind, positive Erfahrungen machen und berührt werden. Erst kommst du in Berührung mit diesen Methoden und dann wächst du menschlich an ihnen. Das ist zumindest meine ganz persönliche Erfahrung. Ich war vor fünf Jahren noch viel fester, überzeugter und viel mehr mit Recht haben beschäftigt, als ich es heute bin, weil ich diese Methoden viel mehr verinnerlicht habe.

Was ich aber auch sehe ist, dass gegenwärtig dominierende Strukturen so verfestigt sind und vor Geld überquellen, dass es extrem schwierig ist, diese Strukturen zu verändern.

Was braucht es aus eurer Sicht, um solch ein Projekt zu starten? Inwieweit kann dieses Wissen mit Anderen geteilt werden?

Judith: Bei uns stand am Anfang das Manifest. Das waren anderthalb Seiten Text, die wir selbst geschrieben haben. Ich glaube es ist ganz wichtig, sich eine gemeinsame Vision zu geben und vielleicht auch so etwas wie eine normative Grundlage. Nach dem Motto: „Das und das wollen wir nicht diskutieren!“

Dann muss entschieden werden: Wie organisieren wir uns untereinander? Wie treffen wir Entscheidungen? Wie können Leute dazustoßen?

Und es braucht einen Ort auf den man ein Auge wirft. Um dann zu schauen, wie da die Eigentumsverhältnisse sind.

Und dann natürlich die Fragen: Welche Felder sind für uns relevant, welche Wenden sollen dort vorangetrieben werden und wie könnte das regional funktionieren?

Anmerkung: Siehe auch Infokasten (Link: Konzept für das Transformationszentrum)

Cléo: Wenn man sich so etwas vornimmt, hat das einen ziemlich tollen Effekt, weil man die ganze Zeit mit Bündnisarbeit beschäftigt ist. Es ist total wichtig mit den Akteur*innen, die in den verschiedenen Bereichen der Wenden spezialisiert und bereits aktiv sind, Allianzen zu bilden. Das braucht natürlich auch eine gewisse Flexibilität

Was sind die größten “Stolperfallen”?

Judith: Auf jeden Fall Zwischennutzung als hingeworfener Krümel, der uns nicht besonders weit bringt. Oft denkt man: „Okay, wir versuchen das jetzt erst mal für ein halbes Jahr.“ Ich glaube es macht Sinn, dass man so ein Projekt sofort langfristig denkt, einen großen Anspruch formuliert.

Ansonsten ist lokales Netzwerken wichtig, mit einer tiefen Anerkennung für das, was schon da ist. Also sich Zeit zu nehmen, gute Beziehungen aufzubauen und vorsichtig in der Kommunikation zu sein, wenn es darum geht, die Projekte und das Erreichte vor Anderen zu kommunizieren.

Cléo: Ja, vorsichtig in der Kommunikation zu sein, ohne seinen Anspruch aufzugeben. Man trifft oft auf Akteur*innen, die vor Ort und schon seit Jahren aktiv sind und einerseits Frustrationserfahrungen gemacht haben, von denen wir auch lernen konnten. Wir mussten also nicht die selben Versuche starten, wie sie.

Stellen wir uns vor, wir befinden uns im Jahr 2030 und eure Initiative hat das erreicht, was Ihr Euch gewünscht und vorgenommen habt. Wie sähe das aus? Was hat sich verändert?

Cléo: Transformation Haus & Feld hat sich auf zwei Drittel des Gebäudes ausgebreitet. Aber es hat vor allem dazu geführt, dass in den Kiezen und auch im ländlichen Bereich viele neue Strukturen entstanden sind. Es gibt beispielsweise Sekundärrohstoff-Sammelstellen. Große Hallen, die früher mal für fossile Industrien genutzt wurden und jetzt als Lagerstätten für gebrauchte Baumaterialien dienen, z.B. auf dem Land. Dann gehst du nicht etwas kaufen, sondern du schaust, ob dort Fenster sind, die du bei dir einbauen kannst.

Die solidarische Landwirtschaft hat sich durchgesetzt. Am meisten fürchte ich allerdings, dass die Dürren und die Klimakrisen schneller sind als unsere Transformation, was Boden und Pflanzen angeht. Also dass wir schneller vertrocknen, als dass wir resiliente Pflanzenstrukturen aufgebaut haben. Deshalb wäre in der Stadt, nur das zwingend nötigste versiegelt und alles andere wäre entsiegelt.

Alles wäre nachbarschaftlich, kiezartig organisiert. Strukturen wie self-organizing systems wären total selbstverständlich in den Kiezen eingebaut. Jede Schule würde ihre Räume nach 16 Uhr zur Verfügung stellen, damit die Nachbarn sich dort ganz selbstverständlich treffen können. Man würde die Infrastruktur wieder ganz vielfältig nutzen, also ein viel flexibleres, gesellschaftliches Miteinander. Da wäre dann Transformation Haus & Feld ein Anstoßort gewesen, aber es kann nicht der einzige gewesen sein.

Judith: Das Prinzip von Commons-Public-Partnership hat sich an vielen Orten durchgesetzt, die Kieze sind Partner der Stadt bei der Umsetzung der Transformation. Wenn beispielsweise Flächen entsiegelt werden sollen, muss nicht Druck auf das Grünflächenamt ausgeübt werden, sondern sie haben den Auftrag und die Ressourcen, selbst zu entsiegeln.

Es gibt ein ganz anderes Verhältnis zur Demokratie. So eine Art political rewilding wird hier lokal ausprobiert. Das hat ganz unterschiedliche Facetten: Es gibt natürlich das bedingungslose Grundeinkommen und keine Jobcenter mehr, sondern Agenturen für Potenzialentfaltung. Die bieten eine Vielfalt von Dingen und Fähigkeiten an, die man am Tempelhofer Feld und im Flughafengebäude lernen kann. Genau das was uns heute fehlt: Wir können für das Gemeinwohl arbeiten und sind trotzdem finanziell abgesichert. Da gibt es dann viele Möglichkeiten, eine große Vielfalt, weil auch viel Arbeit ansteht für die Transformation.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für eure Arbeit!